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2. Biophilie

 

Zur der Frage, warum für uns die Beziehungen zu Tieren so wichtig sind, gibt es verschiedene Theorien (Zusammenfassung z.B. bei Irvine). Die Defizittheorie geht davon aus, dass die Beziehungen zu Tieren einen Ersatz für Beziehungen zu anderen Menschen darstellen, die der Tierhalter aufgrund persönlicher Defizite nicht aufrechterhalten kann. Die Beziehung zum Tier wird in diesem Rahmen als verzerrter und unzulänglicher Ersatz für die Mensch-Mensch-Beziehung angesehen. Gegen diese Theorie spricht, dass die Beziehung zu einem Tier grundlegend anders als die Beziehung zu einem Menschen ist, und dass Menschen mit Tieren oft gerade durch diese vermehrt und intensiver in Kontakt mit anderen Menschen kommen.

 

Die Überflusstheorie hat als Grundannahme, dass Haustiere dann gehalten werden, wenn der Besitzer einen ausreichenden Wohlstand hat, um die Tiere zu füttern. In diesem Zusammenhang wären dann Haustiere als Statussymbol bzw. als Luxusgegenstand zu sehen. Dies mag auf manche Tiere oder Gesellschaftsschichten zutreffen, z.B. auf die Schoß- oder Jagdhunde des Adels in früheren Zeiten, wohl aber kaum auf das Gros der heutigen Haustierbesitzer.

 

Manche Forscher gehen davon aus, dass es den Tierbesitzern im Grunde genommen nur darum geht, über ihre Haustiere eine Dominanz auszuüben, und dass man sich solche Tiere hält, die diese Machtausübung tolerieren. Ein dieser Dominanztheorie entsprechendes Verhaltensmuster, das sich z.B. auch in den Versuchen äußert, Tieren als unangenehm oder unangemessen empfundene Verhaltensweisen abzugewöhnen bzw. unmöglich zu machen oder den Tierkörper durch Eingriffe (z.B. Kupieren von Hunderuten) bestimmten „ästhetischen“ Vorstellungen entsprechend zu formen, lassen sich auch heute noch in vielen Mensch-Haustierbeziehungen beobachten. Allerdings hat die Dominanztheorie in den Mensch-Tier-Beziehungen ihre Mängel, wo Tiere als Partner oder Helfer auftreten.

 

Betrachtet man die emotionale Beziehung zwischen Tier und seinem Halter, findet man viele Parallelen zu dem Bindungsverhalten, das zwei- bis dreijährige Kinder zeigen, wie es z.B. von Bowlby und Ainsworth erforscht wurde (zur Bindungstheorie siehe z.B. Dornes). Auf dieser Parallele baut die Attachment-Theorie auf, die in dieser Parallele einen Grund für die Attraktivität von Tieren sieht.

 

Die Hinwendung des Menschen zum Tier in der letzten Zeit wird von Franklin auf mehrere Faktoren zurückgeführt: Die „ontologische Unsicherheit“ beschreibt ein Gefühl von Unberechenbarkeit der Umwelt, das besonders in der letzten Zeit der großen gesellschaftlichen Veränderungen zugenommen hat. In diesem Zusammenhang vermitteln Tiere ein Gefühl von Sicherheit und Kontinuität. Weiterhin ist den Menschen die Bedrohung von Natur- und Umwelt und das Eingebundensein der Menschen in diese Umwelt in den letzten Jahren bewusster geworden, was sich in vermehrten Tierschutzbemühungen, meist jedoch für „attraktive“ und ungefährliche, z.B. für Wale oder den sibirischen Tiger, nicht aber für den Wolf vor der Haustür, äußert. Das Erschrecken über die durch Menschen verursachte Zerstörung der Umwelt kann dann zur Ablehnung der Menschheit als Spezies, einer Misanthropie, führen. Dadurch werden dann die Tiere die „besseren Menschen“, mit denen man sich lieber beschäftigt.

 

Die Biophilietheorie, entwickelt von Edward Wilson, geht davon aus, dass dem Menschen aufgrund der langen gemeinsamen Entwicklung eine angeborene emotionale Zuneigung zu anderen Lebewesen innewohnt, die elementar zum Menschsein an sich dazu gehört. Der Mensch hat sich nicht in einem „luftleeren Raum“ entwickelt, vielmehr hat alles Leben eine gemeinsame Wurzel. Menschen standen stets in engem Kontakt zur pflanzlichen und tierischen Umwelt, mit der sie auch genetisch eng verwandt sind (sogar zu 30 % mit dem Schimmelpilz!). Die Trennung zwischen Mensch und Natur im jüdisch-christlichen Kulturbereich ist vergleichsweise jung, in anderen Kulturen sind die Übergänge bis heute fließend, z.B. bei der Vorstellung der Reinkarnation. Für die Biophilietheorie spricht auch, dass es kaum einen Menschen gibt, der in seiner Lebensumgebung nicht wenigstens eine kleine „Portion Natur“ hat, und wenn es nur in Form einer Topfpflanze wäre. In den Kinderzimmern sind Tiere als Kuscheltiere nicht wegzudenken und in vielen Büchern oder Filmen erscheinen die Tiere mit sehr positiven Attributen. Die Biophilietheorie kann auch die Attraktivität von Tierparks, Tierdressuren und Tieren als therapeutische Begleiter gut erklären.

 

Nach Olbrich bedeutet Biophilie, „dass Tiere Lebenssituationen vervollständigen oder ergänzen. Sie tragen dazu bei, eine „evolutionär bekannte“ Situation zu schaffen - und mit den vielen so möglich werdenden manifesten Transaktionen geschieht ebenso wie in dem durch die vorbewusste und bewusste Erfahrung ausgelösten Erleben etwas Heilsames.“

 

Allerdings stehen zur Biophilietheorie im Gegensatz die Beobachtungen, dass Natur und Wälder in Europa erst mit Beginn des Zeitalters der Romantik ihr feindliches Image verloren haben, und dass die Haustierhaltung im aktuellen Umfang ein eher modernes Phänomen ist. Der Kontakt zu Tieren erfolgte lange Zeit in Form einer Arbeitsbeziehung, ihre Arbeitskraft oder Produkte wie Wolle, Milch und Fleisch wurden vom Besitzer genutzt. Auch in Kinderbüchern treten Tiere erst seit Neuerem als eigenständige Personen auf. So wurden z.B. von Johanna Spyri zwar „Schwänli“ und „Bärli“ als Heidis Ziegen erwähnt, aber hauptsächlich doch nur als Lieferanten der guten Milch, die die Kinder stark und gesund machte. Der wesentliche Spielkamerad war der Geißen-Peter. Auch ist in anderen als den westlichen Kulturen die Beziehung zu Tieren bis zum heutigen Tag eine ganz andere, man denke nur an die chinesischen Käfigbären. In China z.B. ist Natur nicht für sich allein sondern nur dann bemerkenswert, wenn sie in irgendeiner Form vom Menschen beeinflusst wurde. Der Tierschutzgedanke und Haustiere, zum Teil auch als Kindersatz, sind eine ganz neue Entwicklung (Auskunft Sprachendienst des Auswärtigen Amtes).

 

Wahrscheinlich stellen die genannten Theorien jeweils Teilaspekte einer sehr komplexen Mensch-Tier- bzw. Mensch-Haustierbeziehung dar, wie man es auch von anderen Forschungsbereichen kennt, die sich mit komplexen Systemen beschäftigen. Bekannt sind da z.B. die Quanten- und die Wellen-Theorie des Lichts aus der Physik, oder die scheinbar widersprüchlichen Erklärungs- und Therapieansätze der Psychotherapie (Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapien, Familientherapie, Gestalttherapie und vieles mehr). Ist man sich dessen bewusst, sind diese Theorien gut für den jeweiligen Therapieansatz  nutzbar. In dieser Hausarbeit werden wir im Weiteren von der Biophilietheorie als Basis ausgehen.

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